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Home-Office – wann ist ein Unfall im häuslichen Bereich ein Arbeitsunfall?

Arbeiten im Home-Office ist mittlerweile nichts Besonderes mehr. Viele Arbeitnehmer haben feste Tage, an denen sie im Home Office arbeiten oder nutzen es, wenn das eigene Kind krank ist oder sich der Mann zum Heizungsablesen kurzfristig angekündigt hat.

Home-Office - wann ist ein Unfall im häuslichen Bereich ein Arbeitsunfall?
Home-Office – wann ist ein Unfall im häuslichen Bereich ein Arbeitsunfall?

Was passiert, wenn man während seiner Arbeitszeit im Home-Office einen Unfall erleidet – ist das dann ein Arbeitsunfall?

Diese Frage stellte sich jüngst für das Bundessozialgericht (BSG 27.11.2018, B 2 U 28/17 R).

Zum Sachverhalt:

Die Klägerin war als Sales und Key Account Managerin in einem Unternehmen beschäftigt. Beklagte war die Krankenversicherung der Klägerin.

In dem Arbeitsvertrag der Klägerin war vereinbart worden, dass sie von zu Hause aus arbeitet. Das Büro der Klägerin befand sich im Kellergeschoss ihres Wohnhauses.

Am Unfalltag war die Klägerin zunächst damit beschäftigt auf einer Messe Kunden für ein Projekt ihres Arbeitgebers zu gewinnen. Am Nachmittag war die Klägerin zu einem Telefonat mit der Geschäftsführung verabredet.

Für das Telefonat fuhr die Klägerin nach Hause, um aus ihrem Büro anzurufen. Als sie die Kellertreppe hinabstieg rutschte sie auf einer Stufe ab, stürzte und verletzte sich im Wirbelsäulenbereich. Dabei führte sie eine Tasche mit ihrem Laptop sowie sonstiges Arbeitsmaterial mit sich.

Home-Office – wann ist ein Unfall im häuslichen Bereich ein Arbeitsunfall?

Die Klägerin verlangte von der Beklagten Versicherungsschutz und erhob Klage vor dem Sozialgericht (SG). Die Beklagte lehnte die Anerkennung eines Arbeitsunfalls ab. Zur Begründung führte sie an für zurückgelegte Wege bestehe auf Treppen zwischen privat und geschäftlich genutzten Räumen kein Versicherungsschutz.

Das Sozialgericht hob die Bescheide der Beklagten auf und stellte fest, dass die Klägerin einen Arbeitsunfall erlitten habe. Denn im Unfallzeitpunkt habe sie einen Betriebsweg mit betrieblicher Motivation zurückgelegt, so dass sie die Treppe im Wesentlichen betrieblich genutzt habe.

Die Beklagte legte Berufung vor dem Landessozialgericht (LSG). Das LSG hob das Urteil des SG auf und wies die Klage ab. Die Klägerin habe beim Hinabsteigen der Treppe nicht unter Versicherungsschutz gestanden.

Die Klägerin legte Revision bei dem BSG ein. Das BSG hob das Berufungsurteil auf und wies die Berufung zurück.

Die Entscheidung:

Die Klägerin hat einen „Unfall“ i.S.d. § 8 Abs 1 S 1 SGB VII erlitten, als sie beim Hinabsteigen der häuslichen Kellertreppe auf dem Weg zu ihrem „Home-Office“ auf einer Stufe stürzte und sich dabei Verletzungen im Wirbelsäulenbereich zuzog.

Die Klägerin stieg die Treppe in der Absicht hinab in ihr Büro zu gelangen, um ihren mitgeführten Laptop anzuschließen und sodann, auf Weisung ihres Arbeitgebers hin, den Geschäftsführer anzurufen.

Deshalb legte die Klägerin zum Zeitpunkt ihres Unfalls einen versicherten Betriebsweg im Sinne des § 8 Abs.1 S.1 i.V.m. § 2 Abs.1 Nr.1 SGB VII zurück.

Der Versicherungsschutz scheitert nicht daran, dass der Unfall sich innerhalb der Wohnung der Klägerin ereignete. Befinden sich sowohl die Wohnung des Versicherten als auch seine Arbeitsstätte in demselben Haus, ist entscheidend mit welcher Handlungstendenz der Betriebsweg zurückgelegt wird.

Die objektive Häufigkeit der Nutzung des konkreten Unfallorts innerhalb des Hauses ist insoweit zweitrangig.

Die objektive Handlungstendenz der Klägerin war darauf gerichtet ihrer Tätigkeit als Beschäftigte i.S.d. § 2 Abs 1 Nr 1 SGB VII nachzukommen. Denn das Telefonat mit dem Geschäftsführer sollte auf Weisung und im Interesse ihres Arbeitgebers erfolgen.

Fazit:

Die Beweisführung und objektive Feststellung der Handlungstendenz bei Unfällen im häuslichen Bereich ist schwierig und immer eine Einzelfallentscheidung. In dem oben geschilderten Fall waren keine Anhaltspunkte gegeben, die Zweifel an der Handlungstendenz der Klägerin begründen könnten.

 

© Rechtsanwältin Annika Dölzer